Ausstellungen

Peter Wagensonner in der

Kleinen Galerie am Rathaus in Ruhstorf

15.August 2004

Auch ich darf Sie herzlich zur Ausstellung Peter Wagensonner in Ruhstorf begrüßen.
Wir sehen heute eine kleine Auswahl aus dem Gesamtwerk von Peter Wagensonner. Ich möchte versuchen, Ihnen einen kleinen Eindruck seines Gesamtwerkes zu geben, spreche daher auch hin und wieder von Werken und Gedanken, die hier in der kleinen Galerie nicht zu sehen sind.

Der Baum als herausragender Teil einer Landschaft konnte dem Menschen schon immer Heimat geben. Oft stand der Mensch dem Baum wie einem Individuum, einem "Bruder" gegenüber. Bäume wurden als heilige Wesen verehrt. Als Erscheinungsort des Numinosen, Wohnort von Göttern, Gnomen, Geistern und Seelen. Die Urkraft des Lebens kann sich in der Majestät eines mächtigen Baumes offenbaren, der sich der Mensch voll Ehrfurcht nähert. Oft fühlen sich auch Menschen schicksalshaft mit einem Baum verbunden, sehen ihr Leben in engem Kontext mit diesem. Diese Erfahrungen mit Bäumen wurden schon von der jüdischen Tradition aufgegriffen, wo die Thora, das Gesetz, dem Lebensbaum gleichgesetzt war. Auch im Christentum markieren Bäume die wesentlichen Wendepunkte der Heilsgeschichte. Am Baum der Erkenntnis verliert der Mensch seine Unschuld, am Kreuzesstamm wird er erlöst.

Weit entfernt haben wir uns heute von diesen Empfindungen vom Baum als Inbegriff der Lebenskraft, als Erscheinungsort des Numinosen mit unserer rein materiellen Beziehung zum Baum, zum Wald als Rohstofflieferant, als Opfer von Schädlingsfraß oder als Erholungsort.

Was macht Peter Wagensonner, dessen Skulpturen ausschließlich Bäume waren, aus diesem "Bruder Baum", mit dem der Mensch eine uralte lange Geschichte hat?

Er schneidet ihm die Wurzeln, mit denen er sich die Kraft aus der Erde saugt, und mit denen er sich tief im mütterlichen Boden verankert, ab. Er beraubt ihn seiner Äste, mit denen er in die Weite des Himmels hinausgreift und atmet, er hölt die Stämme aus, wie wenn man einem Körper die Eingeweide und das Rückgrad herausnehmen würde und entledigt sie ihrer schützenden Rinde, wodurch das, was er uns vom Baum zeigt, ganz nackt und bloß vor uns steht.

Was bleibt zurück? Was bleibt übrig? Es bleibt das enthüllte Antlitz des Baumes, sein "Gestalt gewordener Ausdruck".

Peter Wagensonner ist von Kindheit an mit dem Holz groß geworden, da sein Vater Tischler war. Er hat jedoch zunächst den Beruf des Krankenpflegers gelernt und bis 1981 auf Intensivstationen und der Chirurgie gearbeitet. Nach seiner handwerklichen Ausbildung zum Drechsler besuchte er die Kunstakademie in München. Anschließend macht er sich selbstständig und arbeitet seit 1995 in Kleeberg, worüber wir sehr froh und stolz sind. Inzwischen ist er ein international renomierter Künstler mit Ausstellungen weltweit.

Seine Erfahrungen mit dem Umgang mit den Widrigkeiten des Lebens im Krankenhaus nahm er mit in sein künstlerisches Schaffen. Themen wie "in sich ruhende Ganzheit", "Körperlichkeit", "Verletztsein", "Zerbrechlichkeit", "Nacktheit", "Hülle", "Leere", "Heilung", "Beziehung", "Gespräch" bestimmen das Werk Wagensonners. Seine Kunst zeigt die Wunden, und die Spuren des Lebens am Baum. Wie geht der Baum mit den Widrigkeiten des Lebens um? Wagensonner sieht darin eine eigene Schönheit, eine eigene Ästhetik. Ganz im Gegensatz zu der synthetischen, glatten Schönheit, wie sie uns in der Werbung, der Mode, der Schönheitschirurgie entgegentritt, wo alles Fehlerhafte weggeschnitten, retouchiert wird.

Diese Ausstellung nun zeigt einige Facetten seines Schaffens/Lebens, das sich in Auseinandersetzung mit dem Werkstoff Holz, im Dialog mit dem Bruder Baum vollzieht.

Kugeln:
Von Beginn an und bis heute gestaltet Peter WagensonnerKugeln aus Holz, kleine und große aus ganz unterschiedlichen Baumarten. Die Kugel gibt es so in der Natur nicht, sie ist eine menschliche Idee, die Idealform unter den geometrischen Formen.
Diese in sich ruhende, immer gleiche Form, bekommt Leben und Individualität durch die Maserung des Holzes, die mal fließt, sich dann wieder staut und kräuselt, dann wieder weiterfließt. Auch die unterschiedlichen Farbschattierungen bringen Eigenleben in die eigentlich tote Form.
Im Laufe der Zeit wird die Kugel nur noch zum Teil als glatte Idealform gestaltet. Individuelles im Holz bleibt sichtbar, bzw wird bewusst gezeigt, Risse oder interessante Oberflächenstrukturen zeugen von einer jeweils eigenen Lebensgeschichte des Holzes oder Baumes.
Zunehmend höhlt Peter Wagensonner seine Kugeln auch aus, was ein Gefühl von Zerbrechlichkeit aber auch Leichtigkeit evoziert, ganz abgesehen von der technischen Herausforderung, die ihn reizt. In der hiesigen Ausstellung sehen Sie drei ausgehöhlten Kugeln, die aus 500-600 Jahre alten Olivenbäumen aus Kreta gestaltet sind.

Gefäße (Pappel):
Den hohlen Kugeln verwandt sind hier links auch Objekte aus Pappelholz, die gestaltet sind, als wären sie Gefäße,wie Taschen, Schalen, oder Vasen z.B., aber zum Gebrauch weder gedacht noch geeignet sind. Sie sind ganz dünne Hüllen um den leeren Raum, sie umschreiben diesen Raum, und verwalten seine Leere. Das Material wirkt fast nicht mehr wie Holz, ist hauchdünn, eher wie Pappe,das stellt die Funktionalität noch mehr in Frage und schafft eine gewisse Absurdität.

Jetzt kommen wir zu den größeren Skulpturen. Sie sehen da hinten eine Gruppe mit dem Titel:

"Körper im Gespräch" (Buche/Ahorn):
Diese amputierten, sich in ihrer Aufrechte als individuelle Persönlichkeiten darstellenden Gestalten, berühren uns besonders. Wir fühlen uns verwandt. Schon der Titel suggeriert es "Körper im Gespräch". Wir werden zum Partner.
Die Baumstämme sind nackt, ihrer Rinde beraubt. Durch die leichte Bewegung im Stamm, und dadurch, dass der Ansatz eines Astes gezeigt wird, entsteht Gestik. Die Baumstämme sind nicht nur von außen nackt, weil ihrer Rinde beraubt, sondern auch von innen sind sie ausgehöhlt. Eine oft nur noch hauchdünne, die Leere umschreibende Hülle bleibt und erzählt von dem Leben des Baumes, von seiner Geschichte, von seiner Wucht und Schwere. Diese die Leere des Baumes verwaltende Hülle ist es, die das Gespräch verwirklicht, sie ist das "Gestalt gewordene Antlitz" des Baumes, von dem ich am Anfang sprach.

Peter Wagensonner hat sein Interesse im Laufe der Jahre vom einzelnen Objekt auf Gruppen verlagert. Er stellt auch seine Kugeln und Gefäße zu Gruppen zusammen. Wagensonner. fragt nach dem "Dazwischen". Er möchte die Interaktion innerhalb eines Werkes beobachten bzw. belauschen. In manchen seiner Werke meinen wir laute und leise, helle und dunkle, schüchterne und vorlaute Töne zu hören. Wir können streng aufrechte, sich öffnende, bergende Hüllen, ein Vorwärtsdrängen, ein sich Anlehnen-wollen, Zugehörigkeit und Abweisung erleben. Das unterschiedlich geartete Gespräch ist durch die verschiedene Art der Gestik � wie bei einer Pantomime- und die unterschiedliche Beschaffenheit der Hülle dargesellt.
Hierzu gibt es viele unterschiedliche Beispiele, die heute nicht ausgestellt werden konnten.
Das kann z.B. aussehen, wie eine stumme Versammlung, wie bei einer Gruppe von 20-30 Pappeln, die gerade und gleichförmig wie Soldaten auf einer Fläche von 6 x 9 m nebeneinanderstehen. Oder wie ein lautes Miteinander, wie bei einer Gruppe von Apfelbäumen, die von sich aus sehr bewegt sind, mit ihren vielen Drehungen im Stamm.

Wie fühlt sich ein Mensch, wenn er in solch eine Gruppe von Bäumen hineingeht, fragt sich Wagensonner. Probieren Sie es aus und versuchen sie das Gespräch mit den Bäumen zu finden.

Rumpf auf metallenen Füßen (Pappel):
Auch das Aufstellen der ausgehöhlten Stämme auf Stelzen ist ein Spiel mit der Schwere bzw. ein Versuch ihnen die Schwere durch das Abheben vom Boden zu nehmen.
Wenn man die Stämme auch nur ganz wenig berührt, dann fangen sie an zu schwanken - aber bitte probieren Sie das jetzt nicht aus, das darf nur Herr Wagensonner persönlich - und man meint dann, gleich fangen sie an, wegzuwanken.
Das ist eine spielerisch, humorvolle Antwort darauf, dass die Bäume eigentlich mit gravitätischer Schwere, tief in der Erde verwurzelt an einem Platz verharren und sich nicht fortbewegen, wie wir Menschen.

Zunehmend experimentiert Peter Wagensonnerauch mit verschiedenen Materialien. Metall ist ein kühles, hartes, technisches, eigentlich totes Material, und Holz im Gegensatz dazu ein warmes, weiches, lebendiges. Jedes kommt durch den Kontrast in seiner Eigenart stärker zur Geltung. Aus diesem Grund möchte Peter Wagensonner auch seine Objekte nicht in die Natur, sondern in leere kühle Räume, in eine technische Umgebung stellen, damit ihr Leben als Kontrast besonders bewusst wird.

Heitere Natur (Pappel/Edelstahlstäbe):
Alle Punkte, das Spiel mit der Schwere, der Wunsch nach Bewegung, die verschiedenen Materialien, und der Hauch von Humor, sind auch die wesentlichen Aspekte der "Heiteren Naturen", die Sie dort hinten sehen. Diese Skulpturengruppe, die den Humor ja schon im Titel haben wirken wie Salatköpfe auf Beinen, oder lustige Kopffüßler und bilden eine fröhliche, leichte Gemeinschaft oder Gruppe.

Bei Wagensonner ist der Baum, das Holz, nicht nur Material, was es zu formen gilt, sondern der Baum ist die ästhetische Form selbst, die es herauszustellen gilt. Die Ästhetik ist bereits im Baum vorhanden, Wagensonner zeigt sie uns, er wählt aus. Oft sieht man Peter Wagensonner, der seine Baumstämme aus der ganzen Welt zusammenträgt, Wochen, ja Monate lang immer wieder meditierend vor ihnen stehen, um die den Bäumen innewohnende Lebensäußerung zu entlocken und zu erspüren. Peter Wagensonnerlauscht der ungebändigten Individualität der Natur ihre Sprache ab. Andere Künstler verwenden Holz um etwas anderes draus zu machen, Wagensonner liest die Kunst von der Natur ab. Er ist mehr ein Entdecker als ein Gestalter. Damit geht er eine ganz andere Interaktion mit dem Holz ein und lädt uns dazu ein, das gleiche zu tun. Er lädt uns dazu ein, auf die Natur zuzugehen, um ihren der Natur eigenen Ausdruck zu suchen und diesem zu begegnen.

Lassen wir zum Abschluss den Künstler selbst zu Wort kommen:
"Für mich ist Holz ein sensibler Stoff und birgt die Möglichkeit, der Suche des Menschen nach sich selbst Ausdruck zu verleihen. Diesem natürlichen und oft stummen Begleiter des Menschen darf ich die Sprache entlocken, die uns zu einer Auseinandersetzung mit unserer Zeit zwingt."

Nun wünsche ich Ihnen schöne Begegnungen mit dem Naturstoff Holz, mit dem Werkstoff Holz, mit lebendigen Formen und mit dem Künstler Peter Wagensonner.
(N.M.)